Nach der Überwindung des Passes erreichten wir Musaid am Fuße des Berges, die libysche Grenzstation. Von einer eigentlichen Grenzanlage konnte sicher kaum die Rede sein. Man hätte praktisch ungehindert weiterfahren können. Allerdings musste bestätigt werden, dass wir alles, was wir bei der Einreise angegeben hatten, später wieder aus dem Land hinausbrachten. Libyen war damals noch ein junger Staat. Erst wenige Jahre zuvor hatte das Land seine Unabhängigkeit erlangt. Ob es sich künftig stärker an Europa, an die arabische Welt oder einfach an seine eigenen Interessen anlehnen würde, schien noch nicht endgültig entschieden. Die Spuren der italienischen Kolonialzeit waren jedenfalls überall sichtbar, auf den Straßen ebenso wie in den Städten und der Verwaltung.
Hier bekamen wir davon einmal eine Kostprobe. Nachdem wir sie aus ihrem Diensthäuschen gelockt hatten, prüften mehrere sichtlich etwas verschlafene Herren unsere Papiere mit bewundernswerter Gründlichkeit. Dokumente wurden gestempelt, weitergereicht, erneut betrachtet und vorsichtshalber ein zusätzlicher Stempel drauf gedrückt. Der Sinn mancher Formulare erschloss sich uns nicht vollständig, vermutlich aber auch nicht jedem, der die Papiere mit Stempeln verzierte. Endlich waren alle Beteiligten zufrieden. Das war das entscheidende Kriterium, und wir rollten hinüber nach Ägypten.
Angestaubt empfing uns Sollum, der ägyptische Grenzort. Einige weiß gestrichene, niedere Häuser reihten sich entlang der Straße, eines davon war als Zollstation ausgewiesen. Doch im Gegensatz zu Libyen war diese nicht besetzt. Es war ja inzwischen Nacht geworden. Schlagbäume versperrten zwar die Weiterfahrt, doch hätte man sie mühelos umfahren und sich daneben unbemerkt ins Land schmuggeln können. Das hätte aber den kleinen Nachteil gehabt, Ägypten später vielleicht nicht mehr ganz so problemlos verlassen zu können. Wir beschlossen daher, auf den offiziellen Weg zu vertrauen. Also wurde der LKW vor der Station geparkt, und Walter und ich machten uns mit dem Wartburg auf in den Ort, um den zuständigen Beamten zu finden. Die Aufgabe, den Zöllner in diesem nächtlichen Ameisenhaufen aufzuspüren, schien zunächst aussichtslos. Aber ein etwas sprachenkundiger Einwohner von Sollum wies uns den Weg zur Polizei. Dort wusste man tatsächlich, wo der Gesuchte um diese Uhrzeit gewöhnlich anzutreffen war. Er pflegte seine Abende nicht im Dienst, oder bei sich daheim, sondern in einem Kaffeehaus zu verbringen. Nach einem kleinen Umweg fanden wir das Lokal. Der Zöllner saß mit drei anderen Herren an einem Tisch und schien den Feierabend sichtlich zu genießen. Bemerkenswert war, dass er keineswegs Kaffee trank, wie alle anderen Gäste um ihn herum, sondern an einem Glas Wein nippte. Sympathisches Ägypten, dachte ich mir.
Er war ausgesprochen freundlich, wies allerdings mit einem Blick auf die Uhr darauf hin, dass er längst außer Dienst sei und die Formalitäten daher bis zum nächsten Morgen warten müssten. Aber er werde jetzt trotzdem mitkommen. So zwängte er sich neben Walter auf den Beifahrersitz und wir fuhren zur Zollstation zurück. In unmittelbarer Nähe des Amtsgebäudes stand ein kleines Häuschen, das ihm während seiner Dienstzeit als Unterkunft diente. Großzügig stellte er es uns für die Nacht zur Verfügung, verabschiedete sich und wanderte zurück zu seinen Gesprächspartnern und seinem Glas Wein. Unsere Dankbarkeit hielt aber nicht lange an. Die Nacht verbrachten wir im Freien, weil in der Wohnung Legionen blutrünstiger Insekten hüpfender, kriechender und fliegender Gattungen über uns herfielen. Die Pharmafirma Kwizda hatte uns freundlicherweise für drei Expeditionen ausreichende Mengen DDT-Pulver in gelben Streudosen mitgegeben. Großzügig und dankbar verteilten wir das Pulver in Schlafsäcken und Decken. Das rettete unseren Schlaf für den Rest der Nacht. Schon kurz nach Sonnenaufgang erschien der Zöllner wieder. Frisch, freundlich und offenbar vollkommen ausgeschlafen stempelte er ohne Umstände unsere Papiere ab. Wenig später machten wir uns auf den Weg nach Kairo.


Frühmorgendliches Warten auf die Abfertigung derZollpapiere in Sollum
Von Sollum bis Alexandria sind es rund fünfhundertfünfzig Kilometer. Nach den fast zweitausend Kilometern durch Libyen erschien uns diese Entfernung beinahe bescheiden. Afrika hatte begonnen, unsere Maßstäbe etwas zu verschieben. Die Straßen waren asphaltiert und, von einigen Schlaglöchern abgesehen, gut befahrbar. Sie befanden sich in deutlich besserem Zustand als viele Straßen in Libyen oder Tunesien. Doch auch hier tauchten wieder Namen auf, die uns aus den Nachrichten und Wochenschauen des Zweiten Weltkriegs vertraut waren. Das von den Briten damals als Stützpunkt und Versorgungszentrale benützte Mersa Matruh wurde von den Deutschen und Italienern eingenommen. Die britische Armee hatte sich bis El Alamein zurückgezogen, wo es schließlich gelang, dem Afrikakorps Erwin Rommels Einhalt zu gebieten. Diese Schlachten waren im kollektiven Gedächtnis Europas noch äußerst präsent. Neben den Kriegsgräberstätten erinnerten verrostete Fahrzeugwracks, Benzinfässer und die Überreste militärischer Anlagen an die Kämpfe. Auch hier wieder Schilder, die vor Minenfeldern warnten. Die Räumung war noch lange nicht abgeschlossen. Fünfzehn Jahre waren vergangen, aber die Wüste schien es nicht eilig zu haben, die Spuren menschlicher Taten zu beseitigen.
Ägypten hatte gerade die Suezkrise hinter sich, befand sich aber noch immer im Kriegszustand mit Israel. Das hatte natürlich Auswirkungen. Man war nervös und vorsichtig, und auf den Straßen gab es regelmäßige Kontrollen. Allerdings waren sie weniger streng, als sie zunächst wirkten. Freundlichkeit, Geduld und die richtigen Papiere öffneten oft mehr Türen als Diskussionen. Die Ägypter begegneten uns mit großer Herzlichkeit. Wenn wir erklärten, dass wir Deutsche oder Österreicher seien, ging oft ein freudiges Aufleuchten über ihre Gesichter, und nicht selten ertönte im Chor ein begeistertes: „Welcome in our country!“ Das Englisch, mit dem wir uns verständigten, hätte einen Londoner Sprachlehrer vermutlich zur Verzweiflung gebracht. Allerdings wäre unser Arabisch kaum besser beurteilt worden.
Überhaupt hatten wir den Eindruck, dass die Behörden und die Verwaltung in Ägypten etwas organisierter arbeiteten als in manchen Gegenden, die wir zuvor durchquert hatten. In Tripolis suchten wir zum Beispiel fast zwei Tage lang eine bestimmte Straße. Das lag weniger am mangelnden guten Willen der dortigen Einwohner, als an der Tatsache, dass Straßennamen, Ortskenntnisse und Fremdsprachen nicht immer in derselben Person zusammentrafen.
Nach den oft einsamen Weiten Libyens nahm der Verkehr allmählich zu. Besonders ab Mersa Matruh begegneten uns häufiger Lastwagen, Busse, Militärfahrzeuge und zunehmend auch private Autos. Wir kamen relativ zügig voran. Sorgfältig wich ich Schlaglöchern und den Spuren von Hitze aus. Nach den Erfahrungen am Halfaya-Pass war ich fest entschlossen, den Wartburg ohne weiteren Achsbruch bis Alexandria zu bringen.
Da wir bekanntlich andere Aufgaben hatten, als nur mit den Autos weiterzukommen, sahen die Filmer im H3S die Sache etwas anders. Einige Kilometer nach Mersa Matruh, die Straße führt dort über eine Anhöhe, zweigt ein Sträßchen zum Meer hinunter ab. Vom LKW aus wurde uns bedeutet, dass wir darauf abbiegen sollten. So verließen wir die breite Asphaltstraße und trafen schon nach wenigen Metern auf eine Sandpiste. Hinunter ging es problemlos. Unten angekommen wurden ein paar verfallene Bunker mit wogendem Mittelmeer im Hintergrund gefilmt. Stumm natürlich, denn Meeresrauschen hat die RAVAG sicher im Tonarchiv. Erst als wir wieder zur Hauptstraße zurückkehren wollten, zeigte sich, dass die Schwerkraft den Weg zum Meer hinunter deutlich großzügiger unterstützte als den Rückweg. Die Piste führte steil bergauf. Die deutliche Überladung des Wartburgs 311 erleichterte dem Motor die Arbeit keineswegs, und ich musste zurückschalten. Und zwar vom zweiten in den ersten Gang. Daraufhin brach nicht nur mein Vorsatz, das Fahrzeug ohne weiteren Schaden bis Alexandria zu bringen, sondern ebenfalls die linke Vorderachse.
Äußerst übel gelaunt – warum ich überhaupt mit hinunter zum Meer gefahren war, konnte ich inzwischen selbst nicht mehr nachvollziehen – machte ich mich an den neuerlichen Achswechsel. Walter, der Gute, brummte zwar ebenso ungehalten vor sich hin, legte aber wie immer tatkräftig mit Hand an. Diese Reparatur ging etwas rascher vonstatten als die vorhergehende am Halfaya-Pass. Ein gewisser Lerneffekt ließ sich nicht leugnen. Doch es wurde zu spät um weiterzufahren. Vorsichtig tasteten wir uns die restliche Steigung bis zur Hauptstraße hinauf und schlugen etwas abseits davon unser Nachtlager auf. Weder Vorwürfe noch gut gemeinte Ratschläge zu meiner zukünftigen Fahrweise waren von den übrigen Expeditionsteilnehmern zu hören. Anscheinend wussten die Freunde, dass es nicht klug wäre, in einer derart frischen Wunde zu rühren. Außerdem hatte kurz zuvor auch der H3S eine Reifenpanne gehabt, die uns zwei Stunden gekostet hatte. Die moralische Überlegenheit der Lastwagenbesatzung hielt sich daher in erfreulich engen Grenzen.
Am nächsten Morgen gab es einen zeitigen Aufbruch. Wir fuhren ohne erheblicher Unterbrechungen, ausgenommen der üblichen Kontrollen, bis Alexandria. Nach Wüste, Militärposten und einsamen Pisten fanden wir uns plötzlich in einer großen Hafenstadt wieder. Die Meeresluft war frisch, die Straßen belebt, und die Architektur erinnerte stellenweise eher an Südeuropa als an Afrika. Über den Häusern ragten die Minarette zahlreicher Moscheen auf, dazwischen tauchten immer wieder Kirchtürme koptischer, griechisch-orthodoxer oder katholischer Kirchen auf. Diese Stadt wirkte wie ein Treffpunkt verschiedener Welten. Irgendwo unter den modernen Gebäuden lagen die Überreste jener Metropole verborgen, die einst die berühmteste Bibliothek der Antike beherbergt hatte und deren Leuchtturm zu den sieben Weltwundern gezählt worden war. Eine billige, aber recht gepflegte Herberge nahm uns für diese Nacht auf. Dieser Unterkunft waren allerdings heftige Diskussionen über ihre Notwendigkeit vorausgegangen. Mackie setzte sich endlich mit dem Argument durch, wir sollten in Kairo nicht wie eine Horde Landstreicher auftauchen. Das gab den Ausschlag für ein im Vergleich zu unseren sonstigen Gewohnheiten geradezu luxuriöses Quartier. Merkwürdig war nur, dass die anfängliche Freundlichkeit der Betreiber, nachdem Walter mit ihnen den Preis ausgehandelt hatte, einer deutlich reservierteren Höflichkeit wich.
Von Alexandria bis Kairo waren es nur etwas weniger als zweihundert Kilometer. Nach den Entfernungen, die wir inzwischen gewohnt waren, erschien uns das fast wie eine Spazierfahrt. Die Straße war asphaltiert und in erfreulich gutem Zustand. Dafür gab es etwas, das uns in den vergangenen Wochen weitgehend gefehlt hatte: Verkehr. Lastwagen, Busse, Eselskarren, Radfahrer, Fußgänger und gelegentlich Automobile benützten dieselbe Straße und schienen dabei unterschiedlichen Verkehrsordnungen zu folgen. Die DDR bemühte sich damals intensiv, auf dem Markt Ägyptens Fuß zu fassen. Deshalb hat uns die Außenhandelsorganisation DIA Transportmaschinen in Berlin davon verständigt, dass wir in Kairo von der Handelsvertretung der DDR und deren ägyptischen Partnern erwartet wurden. Von unterwegs bestellte Ersatzteile und Post sollten dort für die Expedition bereitliegen. Die Aussicht darauf beflügelte nicht nur unsere Stimmung, sondern offenbar auch die beiden Fahrzeuge. Doch mindestens ebenso beeindruckend war der landschaftliche Wandel. Nach den endlosen Weiten der Wüste führte die Straße jetzt durch die feuchte Fruchtbarkeit des Nildeltas. Kanäle, Felder, Palmen und Dörfer begleiteten unseren Weg.
Ohrenbetäubende Hupkonzerte empfingen uns im dichten Straßenverkehr Kairos. Es dauerte eine Zeit, bis wir nach einigen Irrfahrten die österreichische Botschaft erreichten, die pflichtschuldigst zuerst aufzusuchen war. Wir baten Botschaftsangehörige um Hilfe bei der Quartiersuche für eine Woche. Die diplomatische Intervention verschaffte uns eine Suite aus drei Räumen in einer Art Jugendherberge. Dorthin fuhren wir umgehend, entluden den Wartburg und suchten nach einer raschen Dusche die Handelsvertretung der DDR auf. Bei dem herzlichen Empfang lernten wir ägyptische Vertreter ostdeutscher Firmen, Handelsdelegationen und technische Berater kennen. Als Österreicher besaßen wir dabei einige nicht unbedeutende Vorteile, von denen beide Seiten profitierten. Österreich war neutral und wurde weder als Kolonialmacht, noch als Teil eines Machtblocks gesehen. Entsprechend offen, respektvoll und unkompliziert verlief die Unterhaltung. Hier mussten wir an das Gespräch mit Außenminister Dr. Leopold Figl denken. Er bewies Weitblick, als er uns die Annahme der ostdeutschen Unterstützungen zu gestattete.
Ägypten orientierte sich damals außenpolitisch nicht ausschließlich nach Westen. Präsident Gamal Abdel Nasser verfolgte eine eigenständige Politik und war offen für Zusammenarbeit mit dem Ostblock. Innenpolitisch versuchte er Ägypten modern und säkularisiert zu regieren, was ihm den Zorn der Moslembruderschaft zuzog. In Folge der Suezkrise von 1956 suchte Ägypten verstärkt Partner außerhalb des traditionellen britisch-französischen Einflussbereiches. Techniker, Handelsvertreter und Berater aus den Ländern des Ostblocks waren keine Seltenheit. Die DDR nutzte diese Gelegenheit geschickt. Deshalb erregten unsere Gefährte in Alexandria und Kairo deutlich weniger Aufsehen, als wir erwartet hatten. Solche Kraftfahrzeuge schienen dort bekannter zu sein als in mancher österreichischen Werkstatt.
Es hatte sich eine höchst interessante politische Konstellation ergeben. Als Österreicher mit gültigem Staatsvertrag, ewiger Neutralität, einer Botschaft und einer überaus rührigen Handelsvertretung im Herzen von Kairo gaben wir gewissermaßen die Legitimation für die DDR ab, die damals noch keine offiziellen diplomatischen Beziehungen zu Ägypten unterhielt. Die Bundesrepublik bemühte sich mit der Hallstein-Doktrin nach Kräften, eine internationale Anerkennung der DDR zu verhindern. Das hinderte beide Staaten nicht daran, auf vielen Gebieten lebhaftes Interesse aneinander zu entwickeln. Wo die Diplomatie zögerte, fanden Handel und Technik oft erstaunlich rasch zueinander. Es gab Handelsvertretungen, technische Kooperationen und Kulturkontakte. Im ganzen Land arbeiteten Wissenschaftler und Experten aus dem Osten Deutschlands. Darüber hinaus lieferte die DDR mit beachtlichem Eifer Industrieanlagen, Maschinen und Fahrzeuge. Wir bewegten uns dabei in einer Art politischer Grauzone, die allen Beteiligten durchaus angenehm zu sein schien. Die Ägypter bekamen moderne Technik, die DDR neue Kontakte, und wir ein ausgezeichnetes Mittagessen. Mehr konnte man von der internationalen Politik eigentlich kaum verlangen.
Da kam das unbescholtene rot-weiß-rote Mäntelchen nicht ungelegen, und wir fühlten uns nahezu wie begehrte Diplomaten. Dieser Eindruck wurde verstärkt, als uns wenige Tage nach unserer Ankunft die Einladung zu einem offiziellen Mittagessen erreichte. Man führte uns in eines der besten Hotels Kairos, wo bereits eine stattliche Anzahl hochrangiger Handelsvertreter auf uns wartete. Zunächst gab es im Vorgarten unter Schatten spendenden Sonnenschirmen einen Aperitif. Auf jedem der runden Tischchen standen große Schalen mit gesalzenen Erdnüssen. Da ich diese seit jeher liebte und schon lange keine mehr gesehen hatte, griff ich ungeniert zu. Das sollte sich später als Fehler erweisen. Punkt zwölf Uhr wurden wir in den Speisesaal gebeten. An einer langen Tafel nahmen wir, die Nationalitäten bunt gemischt, unsere mit Namenskärtchen versehenen Plätze ein. Der ungewohnte Anblick blendend weißer Tischtücher, blitzenden Silberbestecks und geschliffener Gläser ließ uns beinahe gleichzeitig überprüfen, ob unsere Krawatten auch ordentlich saßen. Mehrere Kellner in weißen Jacken servierten den ersten Gang auf großen Porzellanplatten. Als Mitteleuropäer rechnete ich mit einem drei- oder viergängigen Menü und füllte meinen Teller entsprechend reichlich. Auch der zweite Gang erwies sich als ausgesprochen sättigend. Man muss günstige Gelegenheiten schließlich beim Schopf packen. Unsere ägyptischen Gastgeber hatten aber offenbar beschlossen, uns die ganze Vielfalt orientalischer Gastfreundschaft vorzuführen. Gang folgte auf Gang, Platte auf Platte. Mein Appetit wurde mit jedem neuen Gericht kleiner, während die Speisen kein erkennbares Interesse zeigten, ebenfalls weniger zu werden. Nach etwa drei Stunden abwechslungsreicher Völlerei ging gar nichts mehr. Dafür hatten wir wichtige Empfehlungen, wertvolle Informationen und eine Reihe neuer Bekanntschaften gewonnen. Mit einem kräftigen Kaffee endete die Veranstaltung in nahezu freundschaftlicher Verbundenheit.
Und das war von unbezahlbarem Vorteil! Denn danach erhielten wir sogar einen offiziellen Presseausweis der ägyptischen Informationsbehörde. Damit waren wir von improvisierenden Afrika-Reisenden plötzlich zu staatlich registrierten Journalisten aufgestiegen, zumindest auf dem Papier. Daneben entpuppte sich der uns ständig begleitende Polizeioffizier von einem Hindernis, wie wir anfangs befürchteten, zum hilfreichen Verbindungsglied zu den Ägyptern.


Der Presseausweis, der uns Türen und Tore öffnete.
Kairo hatte über die allseits bekannten Sehenswürdigkeiten hinaus noch einiges zu bieten. Wir besuchten und filmten riesige Stahl- und Elektrizitätswerke, und wie schon in Tunesien gab es auch hier eine weitläufige Zucht für originale Araberpferde. Dann war da al-Qarafa, die „Totenstadt von Kairo“. Dabei handelte es sich nicht um einen einzelnen uralten Friedhof, sondern um ein gigantisches Gebiet aus Friedhöfen, Mausoleen, Moscheen und Grabanlagen, das sich über mehrere Kilometer am Ostrand Kairos erstreckte. Inmitten der Grabkuppeln, kleinen Tempel ähnlichen Bauten, Kapellen und Baudenkmälern verschiedener Konfessionen herrschte vollkommen normales Leben. Neben den Häusern für die Verstorbenen spielten Kinder, Frauen kochten über Feuerstellen, Händler boten ihre Waren an, und Eselskarren rumpelten durch die schmalen Wege. Die Grenze zwischen Stadt der Lebenden und Stadt der Toten schien hier erstaunlich durchlässig. Den Besucher aus Europa mutete dieser Anblick eher seltsam an. Für die Bewohner war dies hingegen offenbar nichts Besonderes. Sie gingen ihren täglichen Verrichtungen nach, als wäre es die selbstverständlichste Sache der Welt, Tür an Tür mit den Vorfahren zu leben.
Zwischen Österreich und Ägypten bestanden damals erstaunlich enge kulturelle Beziehungen, und die österreichische Botschaft war einer ihrer Mittelpunkte. Bei einem unserer Besuche trafen wir dort den Dirigenten Franz Litschauer. Er war dabei, in Kairo europäische Orchestermusik zu etablieren, arbeitete am Aufbau des Cairo Symphony Orchestra und bildete junge Musiker aus. Damit erfüllte er in Ägypten eine ähnliche Aufgabe, wie sie Kurt Wöss in Japan wahrnahm. Wie schon im ersten Teil der „Zeitgeister“ erzählt wurde, hatten mich beide Dirigenten als Kind im Hause meiner Eltern kennengelernt. Umso herzlicher fiel die Begrüßung in Kairo aus. Litschauer lud uns zu einer Aufführung von Sergej Prokofjews „Peter und der Wolf“ ein. Der Gedanke, dieses Konzert aufzuzeichnen und die Bänder der RAVAG nach Wien zu schicken, reizte mich außerordentlich. Nach reiflicher Überlegung ließ ich jedoch davon ab. Meine Ausrüstung war für ethnologische Feldaufnahmen unter freiem Himmel konzipiert, und nicht für die hohen Ansprüche einer Konzertaufnahme.
Und dann war da noch Gizeh. Dort warteten Bauwerke, die selbst zweitausend Kilometer Wüste, Achsbrüche, Grenzstationen und opulente diplomatische Mittagessen für einen Augenblick in den Hintergrund treten ließen. Die geheimnisvolle Sphinx und die nicht minder rätselhaften Pyramiden bewahrten ihre Geheimnisse bereits seit Jahrtausenden. Tagsüber fotografierten und filmten wir pflichtbewusst das Notwendigste. Die Gegend wollten wir jedoch auch privat erkunden. Deshalb tricksten wir eines Abends unseren Aufpasser aus und fuhren nach Sonnenuntergang noch einmal hinaus zu den antiken Bauwerken. Dort kletterten wir ein gutes Stück die Cheopspyramide hinauf, was eigentlich streng verboten war. Vielleicht lag gerade darin ein Teil des Reizes. Wir hatten auf unseren Reisen schon mehrfach festgestellt, dass Verbote oft eine erstaunliche Anziehungskraft entwickeln. Nicht selten verbargen sich dahinter die interessantesten Geschichten.



Endlich komme ich auf dieser Reise zu der Arbeit, die sich die Expeditionen ursprünglich zur Aufgabe gestellt haben, mit Tonaufnahmen Kulturen Afrikas zu dokumentieren. Zwar hatte sich durch den beredten Einfluss unseres Grazer Kameramannes Xandi der Schwerpunkt der Expedition allmählich von der musikethnologischen Forschung zur filmischen Dokumentation verschoben, doch Mackie war es inzwischen gelungen, eine Verbindung zum „Coptic Institute“ in Kairo herzustellen.
Das „Higher Institute of Coptic Studies“, wie es offiziell hieß, wurde nicht vom ägyptischen Staat, sondern von der koptisch-orthodoxen Kirche gegründet und betrieben. Es war erst 1954 entstanden und somit selbst noch eine recht junge Institution. Hier beschäftigte man sich mit der Geschichte und Sprache der Kopten, ihrer Musik und Liturgie sowie mit Archäologie und Kunst. Für eine österreichische Afrika-Expedition mit ethnologischen und kulturwissenschaftlichen Interessen war das genau die richtige Anlaufstelle. Wir fanden dort sachkundige Gesprächspartner und eine Fülle von Unterlagen über die älteste christliche Tradition Afrikas. Und vor allem offene Türen.
Auf Empfehlung eben dieses Institutes besuchten wir die Hängende Kirche im alten koptischen Viertel Kairos. Ich freute mich, nach den endlos erscheinenden Autofahrten wieder jener Arbeit nachgehen zu können, der unsere Expedition ursprünglich gegolten hatte. Für das Phonogrammarchiv bot sich hier die seltene Gelegenheit, zu authentischem Tonmaterial zu gelangen. Während der Liturgie erfüllten uralte von Diakonen gesungene Hymnen den Kirchenraum. Die Melodien wirkten fremd und doch erstaunlich vertraut, als hätten sie viele Jahrhunderte nahezu unverändert überdauert. Die koptische Liturgie gehörte zu den ältesten ununterbrochen überlieferten musikalischen Traditionen der Welt. Manche Musikwissenschaftler sahen in ihr sogar Klangformen, deren Wurzeln bis in die Spätantike oder gar in das pharaonische Ägypten zurückreichen könnten, selbst wenn sich dies wissenschaftlich nicht in allen Einzelheiten belegen lässt. Unbestritten ist jedoch, dass sich diese Gesänge über viele Jahrhunderte hinweg in bemerkenswert ursprünglicher Form erhalten haben:
Bei dem festlichen Mittagessen mit den Handelsvertretern lernten wir auch einen Vertreter der El Nasr Film Company kennen. Er lud uns zu einer Besichtigung der Misr-Studios ein, des damaligen „Hollywood des Orients“. Neben Hollywood, das überwiegend für den Westen produzierte, und dem indischen Bombay mit seinem aufblühenden „Bollywood“, wo Filme für den Asiatischen Raum gedreht wurden, war Kairo das bedeutendste Filmzentrum der arabischen Welt. Die weitläufigen Studios in Gizeh, also im selben Stadtteil wie die Pyramiden gelegen, verfügten über eine für damalige Verhältnisse moderne technische Ausstattung und boten alles, was für aufwendige Filmproduktionen benötigt wurde. In dieser beeindruckenden Kulisse verbrachten wir etliche Stunden, um einen Beitrag darüber zu drehen.
Aber wenig überraschend gab es die gewohnten oder besser, immer wieder neuen Schwierigkeiten. Kriegsbedingt durften wir verschiedene Routen nicht befahren, und die Bewilligungen aus dem Sudan für die Ein- und Durchfahrt wollten trotz mehrmaliger Urgenzen einfach nicht eintreffen. Das kostete Zeit, Nerven und mit jedem zusätzlichen Tag in der Metropole Geld. Mit dem Großteil der verbliebenen finanziellen Mitteln besorgten wir alles, was für die Weiterreise notwendig erschien. Die eingeholten Beschreibungen der Strecke nach dem Süden verhießen nichts Gutes. Umso dankbarer waren wir für die Erfahrungen, die wir bei der Durchquerung der westlichen Sahara gesammelt hatten. Entsprechend ergänzten wir unsere Ausrüstung um Sandgitter, Spaten sowie zusätzliche Kanister für Treibstoff und Wasser. Beides galt in den kommenden Wochen als nahezu gleich wertvoll.
Neben meiner eigentlichen Aufgabe, Tonaufnahmen von Musik und akustischen Ereignissen autochthoner Völker in möglichst guter Qualität anzufertigen, war ich für unseren Wartburg 311 verantwortlich. Das bedeutete, ihn zu fahren, zu pflegen und gelegentlich gemeinsam mit Walter wieder zusammenzubauen. Ich übernahm diese Verpflichtung gerne, denn ich war begeisterter Autofahrer. Dass mir damals dazu die amtliche Fahrberechtigung fehlte, schien weder mich, meine Freunde noch den Wartburg sonderlich zu beunruhigen. Im Laufe der Jahre legte ich weit über 100.000 Kilometer auf Europas und Afrikas Straßen zurück. Offenbar war meine Fahrweise ausreichend unauffällig, dass ich nie in einen Konflikt mit der Verkehrspolizei geriet. Meiner Verpflichtung zu regelmäßiger Berichterstattung nachkommend, schrieb ich aus Kairo umgehend einen ersten Bericht über Verhalten und Zustand des Wagens nach Berlin:


Mit sichtlicher Begeisterung und unverkennbarem Stolz machten sich die Mechaniker der IFA-Werkstatt über unsere beiden Fahrzeuge her. Sie wurden gründlich durchgecheckt, und alles, was repariert oder nachgestellt werden musste, erledigten die Herren mit großer Sorgfalt. Es war offenkundig, dass hier nicht nur gearbeitet, sondern darüber hinaus eine gewisse Verbundenheit mit den Produkten aus Eisenach und Zwickau gepflegt wurde. Werkstattleitung und Mechaniker bestanden darauf, ihre Wichtigkeit mit dem blitzsauber gewaschenen Wartburg fotografisch zu festzuhalten. Nach den vergangenen Wochen erkannte ich meinen Wagen kaum wieder. Wahrscheinlich war er sauberer, als er das Werk in Eisenach einst verlassen hatte.


Aus Österreich erhielten wir endlich eine lang ersehnte Nachricht von der Wien-Film, genauer vom Kopierwerk Grinzing, wo die Negative entwickelt und Kopien davon gezogen wurden. Nach diesen ersten Zeilen fiel uns ein Stein vom Herzen. Immerhin schien auf den Filmen tatsächlich etwas zu sehen zu sein. Xandis Selbstbewusstsein steigerte sich merklich. Der Leiter der 16-mm-Abteilung, Hans Schubert, sollte sich im Laufe dieser Expedition zu einem unverzichtbaren Kritiker, Ratgeber und gelegentlich auch Mahner entwickeln.

Dem armen Mann erscheint schon ein Dollar als ungeheurer Reichtum. Dem hungrigen Afrikaforscher dagegen ein Teller grüner Bohnen als Himmel auf Erden. Heute hatte ich Küchendienst. Am Morgen fand sich auf dem Markt tatsächlich eine ausreichende Quantität dieses Gemüses. Schani und Mackie waren unterdessen schon zeitig zur ‚Jagd‘ an das Nilufer außerhalb der Stadt aufgebrochen. Dort sollte es angeblich schmackhafte Vögel in rauen Mengen geben. Wie zu erwarten, gab es zu Mittag vegetarisch „Fisolen“ mit Butterbröseln. Die wurden von sämtlichen Expeditionsteilnehmern in den höchsten Tönen gelobt. Von gebratenen Vögeln hörten wir an diesem Tag nichts mehr.
Das Klima in Kairo war äußerst angenehm, ähnlich wie ein warmer Spätsommer in Mitteleuropa. Recht warm, ab und zu bewölkt, das ideale Wetter für die Weiterreise. Als Ziele kamen Port Sudan oder Khartum in Frage. Wir hatten zunehmend den Eindruck, dass uns das sudanesische Konsulat mit den Einreisegenehmigungen lediglich hinhielt. Deshalb beschlossen wir, Kairo bei nächster Gelegenheit trotzdem zu verlassen. Der Tag des Abschieds von der Stadt rückte immer näher. Wir ahnten bereits, dass es ein schweres Stück Arbeit werden würde, die beiden Wagen über diese Strecke zu bringen. Alles, was wir über den Weg nach Süden in Erfahrung bringen konnten, ließ sich kurz zusammenfassen: Es gab nichts in Erfahrung zu bringen. Niemand kannte die Piste. Auf tausend Kilometer wartete nur Niemandsland. Keine Straße, keine Piste, kein Wasser. Nichts, nur Sonne, Sand oder Schlamm.
Von der freundlichen Werkstatt wurden wir mit einer stattlichen Kiste kostbaren Inhalts bedacht. Darin befanden sich Antriebsachsen und sorgfältig ausgewählte Verschleißteile, sowohl für den Wartburg, als auch den H3S. Die Handelsvertretung der DDR überreichte uns als Abschiedsgeschenk ein Simson-Moped aus Suhl. Das könnte uns vielleicht einmal das Leben erleichtern, falls wir in einer ausweglosen Situation Hilfe holen müssten. Dankend nahmen wir dieses fürsorgliche Geschenk an und verzurrten es auf dem Dachträger des Kombis. Dann nahmen wir die Straße nach Suez unter die Räder. Sie war fast durchgehend asphaltiert, dennoch fuhr man nicht unbeschwert. Die Suezkrise lag erst wenige Monate zurück, und je näher wir dem Kanal kamen, desto deutlicher war zu spüren, dass hier vor kurzer Zeit noch Krieg geherrscht hatte. Militärfahrzeuge, Kontrollposten und beschädigte Anlagen erinnerten daran, dass Geschichte manchmal schneller vergeht als ihre Spuren.